Lesekompetenz und Leseverständnis werden immer wieder in Bildungsstudien gemessen. Aber was genau umfassen die beiden Begriffe eigentlich? Und wie gehören sie zusammen?
Lesekompetenz – Definition & Bestandteile
Lesekompetenz ist eine Fähigkeit, die nach der OECD und PISA folgendermaßen definiert ist:
„Texte zu verstehen, zu nutzen, zu bewerten, über sie zu reflektieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um die eigenen Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial zu entwickeln und an der Gesellschaft teilzunehmen.“ (OECD, 2019, S. 28)
Die aktuelle Definition bezieht auch digitale Texte (z.B. Texte in Internetforen) ein und betont den Prozesscharakter des Lesens. Prozesscharakter bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Menschen auch lesen, um Probleme und Aufgaben zu lösen. Dazu müssen sie auch relevante von irrelevanten Quellen unterscheiden können.
Die Lesekompetenz besteht aus drei Prozessen, die aufeinander aufbauen: Die Worterkennung, die Leseflüssigkeit und das Leseverständnis.
- Die Worterkennung erfolgt bei geübten Leser*innen meist automatisch. Somit können Leser*innen ein Wort mit einem Blick erkennen, wenn ihnen das Wort bekannt ist und sie es in ihrem Sichtwortschatz haben.
- Die Leseflüssigkeit besteht aus der Lesegenauigkeit und der Lesegeschwindigkeit. Geübte erwachsene Leser*innen können dabei 200-300 Wörter pro Minute lesen.
- Beim Leseverständnis geht es darum, die Inhalte des Textes zu verstehen. Dies ist das eigentliche Ziel des Lesens.

Leseverständnis
Voraussetzung für das Leseverständnis sind somit die Worterkennung und die darauf aufbauende Leseflüssigkeit. Das Leseverständnis lässt sich nochmals unterteilen:
- textbasiertes Leseverständnis: Dieses bezieht sich die Informationen, die im Text enthalten sind. Diese sollen Leser*innen erfassen und behalten können.
- wissensbasiertes Leseverständnis: Dieses geht über den zu lesenden Text hinaus. Dabei beziehen Leser*innen ihr Vorwissen und Erwartungen ein und können Schlussfolgerungen ziehen. Das führt zu einem tieferen Textverständnis.
Das finale Ziel des Lesens ist das wissensbasierte Leseverständnis. Denn nur so kann einem Text eine persönliche Bedeutung zugeordnet werden und Leser*innen können sich eine eigene Meinung zum Gelesenen bilden. Leseverständnis bedeutet jedoch nicht, dass man den Inhalten des Textes zustimmen muss. Was Leser*innen aus Texten verstehen, ist somit eine subjektive Repräsentation des Textes und von ihrem Vorwissen und ihren Überzeugungen geprägt.
Kohärenz & Inferenz
Bei geübten Leser*innen erfolgt auch dieser Prozess automatisch. Sie stellen beim Lesen zwei Arten von Kohärenz (Zusammenhang) her:
- lokale Kohärenz, z.B. zwischen zwei Sätzen und
- globale Kohärenz zwischen verschiedenen Textzeilen und Abschnitten:
Zu den komplexeren Kohärenzrelationen (Zusammenhangsbeziehungen) in Texten gehören:
- Ursache-Wirkung: z.B. durch Konnektoren (Bindewörter) wie „weil“ im Text angezeigt
- zeitliche Abfolgen: z.B. durch Konnektoren wie „dann“ im Text angezeigt
- positive und negative Kohärenzrelationen: Negativ-kausale Kohärenzrelationen sind dabei kognitiv fordernder als positiv-kausale Kohärenzrelationen
- negativ-kausale Kohärenzrelationen: Beispiel: Als Petra heute nach Hause ging hat es geregnet. Sie ist trotzdem nicht nass geworden.
- positiv-kausale Kohärenzrelationen: Beispiel: Leonie hat gestern Sport gemacht. Darum hat sie heute Muskelkater.
Zusätzlich sind Inferenzen (Schlussfolgerungen) für das Leseverständnis notwendig, da kein Text alle Informationen explizit darstellt, die Leser*innen für das Verständnis brauchen. Daher müssen Leser*innen auch ihr Vorwissen mit den Textinhalten zusammenbringen (= wissensbasiertes Leseverständnis).
3 Arten von Inferenzen, die in Texten zu finden sind:
- Kausalitäten (Ursache-Wirkungsbeziehungen): z.B. Struktur von Geschichten und Lehrtexten
- Motive von Protagonist*innen in Geschichten
- Thema eines Textes oder Textabschnitts
In der Kognitionspsychologie sind Inferenzen auch für die Erstellung eines mentalen Modells (oder Situationsmodells) beim Lesen wichtig. Diese Modelle beinhalten, worum es im Text geht. Je vollständiger das mentale Modell ist, desto besser hat der Leser/die Leserin den Text verstanden.
Quellen
Gold, A. (2024). Digital lesen. Echt jetzt? Literarische Texte und Sachtexte am Bildschirm lesen. In Literarische Texte lesen–Texte literarisch lesen: Festschrift für Cornelia Rosebrock (pp. 51-70). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.
Lenhard, W., Richter, T., Richter, T., & Lenhard, W. (2024). Leseverständnis: Kognitive Komponenten und Prozesse. Diagnose und Förderung des Lesens im digitalen Kontext, 1-18.
Lewalter, D., Diedrich, J., Goldhammer, F., Köller, O., & Reiss, K. (Hrsg.). (2023). PISA 2022: Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland. Waxmann Verlag GmbH. https://doi.org/10.31244/9783830998488
OECD. (2019). PISA 2018 reading framework. In OECD (Hrsg.), PISA 2018 assessment and analytical framework (S. 21–71). OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/b25efab8-en
Video d²L: Was ist Lesekompetenz?: https://www.uni-muenster.de/PsyIPBE/aesouvignier/praxistransfer/video/index.shtml (abgerufen 9. Juli 26)
Handbuch d²L: https://www.uni-muenster.de/PsyIPBE/aesouvignier/praxistransfer/downloads/downloads.shtml (abgerufen 9. Juli 26)