Wir alle hören jeden Tag anderen Personen zu. Zuhören ist ein fester Bestandteil des Alltags. Doch was bedeutet Zuhören eigentlich genau?
Ist Zuhören nicht einfach nur Hören?
Hören ist eine wichtige Vorstufe fürs Zuhören, aber Zuhören beinhaltet noch viel mehr. Denn wenn du zuhörst, nimmst du nicht nur automatisch ein Geräusch wahr. Du bist motiviert, aus allen Geräuschen deiner Umgebung z.B. Sprache herauszufiltern. Das bedeutet, dass beim Zuhören die Informationen auf akustischem Wege zu dir kommen und du diese mit einer Intention und kontrolliert auswählst. Doch es reicht nicht, die Sprache einfach nur herauszufiltern. Um sinnhaft zuzuhören, musst du die gesprochenen Informationen auch noch organisieren und mit deinem bestehenden Wissensnetzwerk verbinden.
Als würde das nicht schon reichen: Als Zuhörer*in mit Gesprächspartner*in musst du nicht nur die akustische Botschaft entschlüsseln, sondern auch die visuellen Reize, weitere Informationen über deine*n Gegenüber und die Situation, in der ihr euch gerade befindet, beachten. Somit hörst du nicht nur mit den Ohren zu, sondern auch mit deinen Augen oder vielleicht sogar all deinen Sinnen. Das verlangt dir einiges ab, denn du brauchst dazu nicht nur Sprachfertigkeit, sondern auch Denkfähigkeit, Wahrnehmungsgeschwindigkeit sowie Kapazität und Flexibilität in deinem Arbeitsgedächtnis (also Konzentration).

Zuhören verhält sich zum Hören, wie Lesen zum Sehen. Denk mal drüber nach.
Lernen durch Zuhören und Lesen
Viele Lernende können sich oft nicht aussuchen, ob sie neue Informationen als Text oder als Vortrag präsentiert bekommen. Somit lohnt es sich, diese beiden Formen des Wissenserwerbs – Zuhören und Lesen – zu vergleichen – auch wenn letztlich alle Informationen in deinem Gehirn landen und dort auf ähnliche Art und Weise verarbeitet werden.
Hier ein paar Punkte, die du kennen und beachten solltest, wenn es um Zuhören und Lesen beim Lernen geht:
- Tempo: Beim Zuhören kannst du das Tempo, in dem dir die Informationen durch eine*n Sprecher*in präsentiert werden, nicht selbst bestimmen. Beim Lesen kannst du selbst entscheiden, wie schnell oder langsam du lesen möchtest.
- Wiederholbarkeit: Wenn du einen Satz liest, und dir der Inhalt unklar ist, kannst du ihn erneut lesen. Das funktioniert beim Zuhören nicht, da die Informationen nur flüchtig präsentiert werden.
- Ungenauigkeiten: Während geschriebener Text, meist fehlerfrei ist, können beim Zuhören schneller Informationen verloren gehen oder gestört werden. Hinzu kommt, dass Sprecher*innen Worte undeutlich aussprechen oder im Dialekt oder mit Akzent sprechen können. Das macht es schwieriger, die Informationen zu erfassen. Wenn es mehrere Sprecher*innen gibt, können sich Redebeiträge auch überlappen.
- Informationen über Informationsgeber*innen: Wenn du einer Person zuhörst (und diese dabei siehst), erhältst du mehr Informationen, als wenn du einen Text der Person lesen würdest. Denn zu den gesprochenen Informationen erhältst du auch noch nonverbale und paraverbale Informationen (z.B. wie etwas gesagt wird).
- Lernstrategien: Wenn du einen Text bearbeitest, benötigst du andere Lernstrategien, als wenn du z.B. Lehrenden in einem Vortrag zuhörst.
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Literaturquellen:
Imhof, M. (2003). Zuhören: Psychologische Aspekte auditiver Informationsverarbeitung; mit 3 Tab. Vandenhoeck & Ruprecht.
Imhof, M. (2020). Psychology. In D. L. Worthington & G. D. Bodie (Hrsg.), The Handbook of Listening (1. Aufl., S. 233–251). Wiley. https://doi.org/10.1002/9781119554189.ch14