Lernstrategie Unterstreichen – beliebt, aber auch effektiv?

Textmarker oder Stift in die Hand und los geht’s! Unterstreichen gehört zu den beliebtesten und meistgenutzten Lernstrategien. Es ist einfach umzusetzen und geht schnell, aber ist es auch effektiv? Es kommt darauf an…

Lernstrategie Unterstreichen

Vermutlich hast du selbst schon Sachtexte, die du lesen musstest, unterstrichen. Da gibt es ja eigentlich nicht viel zu erklären, oder vielleicht doch? Unterstreichen ist eine kognitive Lernstrategie, mit der du aktiv wichtige Informationen aus einem Text heraussuchen kannst (= Selektion). Diese herausgesuchten Informationen können dann in deinem Arbeitsgedächtnis weiterverarbeitet und schließlich im Langzeitgedächtnis gespeichert werden.

Kleiner Hinweis: Mit „Unterstreichen“ meine ich in diesem Text jede Art von Hervorhebung im Text, auch Markierungen mit dem Textmarker oder kursiv gesetzte Wörter gehören dazu.

Arten von Unterstreichungen

Es gibt zwei Arten von Unterstreichungen im Text:

  • Selbsterstellte Unterstreichungen: Das bedeutet, dass du selbst in einem Text bestimmte Wörter, Wortgruppen oder Sätze hervorhebst, indem du sie unterstreichst. Wichtig ist, dass du die Auswahl selbst triffst, was und wie viel du unterstreichen willst.
  • Vorgegebene Unterstreichungen: Hierbei handelt es sich um Hervorhebungen im Text, die du nicht selbst vorgenommen hast. Dazu gehören fettgedruckte oder kursive Wörter, Markierungen und Unterstreichungen. Wichtig ist, dass du diese Auswahl nicht selbst treffen konntest, sondern diese dir von anderen Personen (z.B. von der Autorin des Textes oder von Lehrenden) vorgegeben wurde.

Ist Unterstreichen eine effektive Lernstrategie?

Laut psychologischer Forschungsergebnisse ist Unterstreichen trotz der großen Verbreitung keine effektive Lernstrategie (Dunlosky, 2013, Fiorella & Mayer, 2016).

Doch was macht selbsterstelltes Unterstreichen so schwierig?

  • Das Auswählen von wichtigen Textstellen und Wörtern beansprucht deine kognitive Kapazität, die jedoch begrenzt ist. Dadurch steht dir die verwendetet Kapazität auch nicht für weitere, tiefere kognitive Prozesse wie dem Organisieren und dem Integrieren neuer Informationen zur Verfügung. Auch für das Textverständnis hast du weniger Kapazität übrig, wenn du gleichzeitig unterstreichst.
  • Wenn du mit der Lernstrategie Unterstreichen nicht vertraut bist, kann es passieren, dass du die falschen Inhalte auswählst und weiterverarbeitest bzw. lernst. Das gleiche kann auch zutreffen, wenn du zu viel oder zu wenig unterstreichst. Auch das kann zu einem falschen Lernergebnis führen.

Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn du einen bereits fertig unterstrichenen Text erhältst (= vorgegebene Unterstreichung):

  • Deine Aufmerksamkeit wird durch die bestehenden Unterstreichungen auf die wichtigen Elemente des Textes gelenkt. Somit kann es nicht passieren, dass du die falschen Inhalte auswählst.
  • Das bedeutet, dass du mehr Kapazität für tiefere kognitive Prozesse (Organisieren und Integrieren von Informationen) hast, da die wichtigen Textstellen ja bereits ausgewählt sind.
  • Wenn die Unterstreichungen von Profis vorgenommen wurden (z.B. in einem Lehrbuch), kann das für deinen Lernprozess besonders hilfreich sein.

Studie zur Lernstrategie Unterstreichen

In einer Metaanalyse zum Unterstreichen (Ponce et al., 2022) verglichen Forschende Lernende, die einen Text selbst unterstreichen mussten (Selbst-Unterstreichergruppe), mit Lernenden, die bereits unterstrichene Texte erhielten (Fremd-Unterstreichergruppe). Die Selbst-Unterstreichergruppe verbesserte sich in Tests, bei denen sie sich an die Textinhalte erinnern sollten. Die Fremd-Unterstreichergruppe verbesserte sich nicht nur in Tests zum Textinhalt, sondern auch in Tests zum Textverständnis. (Vermutlich, da sie mehr kognitive Kapazität zur Verfügung hatten).

Zusätzlich vergleichen die Forschenden die Leistungen von Studierenden mit denen von Schülerinnen und Schülern. Sie fanden heraus, dass nur die Studierenden von der Lernstrategie Unterstreichen profitierten, während die Gruppe der Schülerinnen und Schüler dies nicht tat. Die Forschenden vermuten, dass die Schülerinnen und Schüler zu unerfahren in der Lernstrategie waren und ein Training zum Unterstreichen hilfreich ist.

Besonders effektiv fürs Lernen ist es, wenn Lernende das Unterstreichen mit einer weiteren Lernstrategie kombinieren – vor allem mit Lernstrategien, die das tiefere Verständnis des Textes fördern (z.B. Notizen machen, graphische Organizer nutzen, sich nach dem Lesen des Textes Fragen zu diesem stellen). Was sich jedoch als ineffektiv herausstellte, war, wenn Lernende die unterstrichenen Textstellen erneut lasen.

Unterstreichen und die Illusion des Lernens

Unterstreichen ist einfach und geht relativ schnell. Doch lass dich dabei nicht täuschen: Nur weil du einen Text schnell gelesen und unterstrichen hast, bedeutet das nicht, dass du den Inhalt vollständig verstanden oder die Inhalte des Textes langfristig in deinem Gedächtnis gespeichert hast. Dahinter steckt eine metakognitive Illusion (oder auch fluency illusion): Alles läuft ohne Probleme beim Unterstreichen und du denkst, du hast alles im Griff und viel gelernt, doch das ist nicht der Fall (Marzouk & Winne, 2025).

Was du dagegen tun kannst? Gehe beim Unterstreichen schrittweise vor und nutze Selbstregluationsstrategien, um dein Lernen zu überwachen und zu kontrollieren (siehe nächster Abschnitt). Zusätzlich kannst du die Lernstrategie Unterstreichen mit weiteren Lernstrategien kombinieren, die eine tiefere Verarbeitung der Lerninhalte fördern.

Wie kann ein Training zum Unterstreichen aussehen?

Ein Unterstreichen-Training für Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse von Leopold und Leutner (2015) enthält vier Schritte, um die Lernstrategie anzuleiten:

  1. Lies einen Absatz des Textes.
  2. Kreise die Worte ein, die den Hauptgedanken des Absatzes beschreiben.
  3. Lies den Absatz erneut und unterstreiche alle zusätzlichen wichtigen Informationen daraus.
  4. Mache dir Notizen neben dem Text, um die Funktion des Absatzes im Text zu bestimmen (z.B. Definition oder Beispiel).

Achte dabei auch auf sprachliche Hinweise im Text, die Autorinnen und Autoren verwenden (z.B. „In diesem Abschnitt geht es um…“).

Ergänzen kannst die vier genannten Schritte, indem du deine Selbstregulation aktivierst, um die eingesetzte Lernstrategie zu kontrollieren und zu steuern. Drei Aspekte sind dabei besonders wichtig:

  • Selbstbeobachtung:
    • Wie habe ich die Strategie angewendet?
    • Welche Schritte habe ich durchgeführt?
  • Selbsteinschätzung: Du schätzt ein, wie gut du die Lernstrategie angewendet hast:
    • Habe ich in jedem Absatz den Hauptgedanken herausfinden können?
  • Reaktion: Du reflektierst, ob du dein Lernergebnis nochmals überarbeiten willst.

Für Lehrende: Tipps, um Unterstreichen anzuleiten

Unterstreichen ist eine Lernstrategie, die vor allem Schülerinnen und Schüler erst erlernen müssen, um sie effektiv nutzen zu können. Ein Training kann folgende Elemente enthalten:

  • Einsatz von Instruktionen als auch Übungen zum Unterstreichen
  • Aufzeigen von effektivem und nicht-effektivem Unterstreichen eines Textes an Beispielen
  • Herausarbeiten der Hauptgedanken des Textes
  • Identifizieren (sprachlicher) Hinweise im Text
  • Analyse der Textstruktur und des Aufbaus
  • Feedback zu den Unterstreichungsübungen
  • Erklärungen zu sinnvollen Kombinationen der Lernstrategie Unterstreichen mit anderen Lernstrategien, die das tiefere Verarbeiten fördern (z.B. mit graphischen Organizern)

Zusätzlich geben Unterstreichungen von Lernenden auch einen Einblick in deren Lernprozess. Je nachdem, was Lernende im Text unterstreichen, können Lehrende Rückschlüsse ziehen, mit wie viel Einsatz die Lernenden die Aufgabe bearbeitet haben, wie sie die Aufgabenstellung verstanden haben und wie sie die Informationen verarbeitet haben (Marzouk & Winne, 2025).

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Literaturquellen

Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J., & Willingham, D. T. (2013). Improving Students’ Learning With Effective Learning Techniques: Promising Directions From Cognitive and Educational Psychology. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4–58. https://doi.org/10.1177/1529100612453266

Fiorella, L., & Mayer, R. E. (2016). Eight Ways to Promote Generative Learning. Educational Psychology Review, 28(4), 717–741. https://doi.org/10.1007/s10648-015-9348-9

Leopold, C., & Leutner, D. (2015). Improving students’ science text comprehension through metacognitive self-regulation when applying learning strategies. Metacognition and Learning, 10(3), 313–346. https://doi.org/10.1007/s11409-014-9130-2

Marzouk, Z., & Winne, P. H. (2025). Recall or transfer? How assessment types drive text-marking behavior. Frontiers in Education, 10, 1510007. https://doi.org/10.3389/feduc.2025.1510007

Mason, L., Ronconi, A., Carretti, B., Nardin, S., & Tarchi, C. (2024). Highlighting and highlighted information in text comprehension and learning from digital reading. Journal of Computer Assisted Learning, 40(2), 637–653. https://doi.org/10.1111/jcal.12903

Ponce, H. R., Mayer, R. E., & Méndez, E. E. (2022). Effects of Learner-Generated Highlighting and Instructor-Provided Highlighting on Learning from Text: A Meta-Analysis. Educational Psychology Review, 34(2), 989–1024. https://doi.org/10.1007/s10648-021-09654-1