Zuhören, die vergessene Kompetenz?!

Zuhören ist wichtig – aber wann und wo lernen wir Zuhören eigentlich?

Dass Zuhören ein wichtiger Teil unserer Sprachkompetenz ist, muss ich vermutlich nicht lange erklären. Wir alle hören jeden Tag in verschiedenen Situationen zu. Auch in Bildungseinrichtungen hören Lernende jeden Tag mehrere Stunden zu, um Neues zu lernen und sich auszutauschen. Doch während Schreiben, Lesen und auch Sprechen einen festen Platz in der Bildung haben, wird Zuhören häufig einfach vorausgesetzt. Lediglich im Fremdsprachenunterricht gibt es Übungen zum Hörverstehen.

Ein Blick in das Fachgebiet Psychologie zeigt, dass Zuhören auch dort oft nur eine kleine Rolle spielt. Aktives Zuhören wird zwar immer wieder erwähnt und betont, doch Forschung zum Zuhören gibt es verhältnismäßig wenig. Auch im Bereich der Pädagogischen Psychologie wird Zuhören als Weg des Wissenserwerbs meist nicht erwähnt. In den umfangreichen Lehrbüchern der Psychologie zu Lernen und Schule ist Zuhören meist nicht zu finden.

Daher meine Frage: Ist Zuhören eine vergessene Kompetenz?

Dabei können Lernende durchaus profitieren, wenn sie Zuhören trainieren und verbessern – zum einen für die Aufnahme neuer Informationen, zum anderen für den Umgang miteinander.

Was müssen Lernende können, die täglich in der Schule zuhören?

  • verschiedene mündliche Textarten unterscheiden: Höre ich einem Vortrag einer Lehrkraft oder Diskussion in einer Gruppenarbeit zu?
  • verschiedene Zuhöraufgaben (und damit verbundene Tätigkeiten und Anforderungen) erkennen: Auf was soll ich beim Zuhören achten? Was soll ich herausfiltern?
  • die Intention der Sprecher*innen erkennen und wissen, wie diese den sprachlichen Ausdruck beeinflusst: In welcher Situation höre ich gerade zu?

Ebenfalls interessant ist, dass Lernende auch die Grundlagen des Selbstregulierten Lernens auf das Zuhören anwenden können. Denn nur so können Lernende ihr Zuhören eigenständig und effektiv steuern und somit zu kompetenten Zuhörer*innen werden. Die gleichen Prinzipien, die beim Selbstregulierten Lernen gelten, lassen sich demnach auch aufs Zuhören anwenden:

  • Das eigene Zuhörverhalten beobachten:
    • Bewerten der eigenen Stärken und Schwächen des Zuhörverhaltens
    • Analyse der Zuhörergebnisse aus verschiedenen Situationen
  • Konkrete Lern- und Zuhörziele formulieren:
    • Ziele formulieren und passendes Zuhörverhalten und passende Zuhörergebnisse beschreiben
  • Zuhörstrategien besprechen und üben:
    • Wie andere Lernstrategien auch, müssen Zuhörstrategien explizit erklärt und geübt werden
  • Zuhör-Strategieeinsatz überwachen:
    • Lernende überwachen und bewerten den Einsatz der Zuhörstrategien

Auch beim Zuhören gibt es für Lernende eine Menge zu entdecken, zu wissen und zu üben. Warum Zuhören häufig zu kurz kommt oder gar ganz als Thema vergessen wird, erschließt sich mir nicht. Viele Lehrende fordern Zuhören ein, ohne es jedoch zu unterrichten. Das sollte sich ändern.

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Literaturquellen

Imhof, M. (2010). Zuhören lernen und lehren. Psychologische Grundlagen zur Beschreibung und Förderung von Zuhörkompetenzen in Schule und Unterricht. In Zuhörkompetenz in Unterricht und Schule. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis: Edition Zuhören (Nummer 8, S. 15–30). Vandenhoeck & Ruprecht : Göttingen. https://doi.org/10.25656/01:3228

Imhof, M. (2020). Psychology. In D. L. Worthington & G. D. Bodie (Hrsg.), The Handbook of Listening (1. Aufl., S. 233–251). Wiley. https://doi.org/10.1002/9781119554189.ch14